Corona – Oder das Surfen auf der Welle des Unbekannten

Selten war die Welt so unsicher, wie sie uns heute erscheint. Auf unzählige Fragen gibt es keine Antworten. Doch gleichzeitig gibt es mehr Meinungen denn je, welche unser Gehirn erst einmal verarbeiten muss. Corvid-19 verändert Wirtschaftssysteme, Arbeitsabläufe, Familienleben und jeden Gang durch das gesellschaftliche Leben. Wenn wir aktuell eines Lernen, dann mit Unsicherheit umzugehen. Wir sind konfrontiert mit Ängsten über die Endlichkeit des Lebens, das wir bisher kannten. Das macht etwas mit uns: Es verunsichert, hemmt oder führt zu Aktionismus. Im Spielfeld der großen Unbekannten gibt es wenig richtige Antworten. Uns fehlen Orientierung und Sicherheit. Viele sehnen sich danach, den Status Quo vor der Krise schnellstmöglich herzustellen. Andere möchten schon heute eine sichere Zukunft planen. Wie wird man also zu einem Surfer auf der Welle der Unsicherheit?

Donald Rumsfeld hat 2002 als damaliger US-Verteidigungsminister Folgendes gesagt:

„There are known knowns; there are things we know we know. We also know there are known unknowns; that is to say we know there are some things we do not know. But there are also unknown unknowns — there are things we do not know we don’t know.“

(Donald Rumsfeld, 12. Februar 2002, United States Secretary of Defense)
A screenshot of a cell phone

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Quelle: https://medium.com/datadriveninvestor/known-knowns-unknown-knowns-and-unknown-unknowns-b35013fb350d

Die Corona-Krise ist eine Begegnung mit den Unknown Unknowns. Sie ist eine Chance für uns als Individuen und als Gemeinschaft neu zu denken. Doch es fällt uns schwer, genau dieses zu tun, weil wir niemals dafür trainiert haben, mit den Unbekannten der Unbekannten umzugehen. 

Known Knowns – Dinge, über die wir uns bewusst sind und die wir verstehen 

Durch Schulen, Universitäten und Unternehmen (uvm.) haben wir gelernt, wie unsere Handlungssysteme funktionieren. So haben wir bestimmte Vorstellungen davon entwickelt, wie Lebenswege ablaufen, wie die Arbeitswelt funktioniert und wie wir uns als Akteure in der Gesellschaft zu verhalten haben. Bekannte Systeme und Regelwerke geben uns Sicherheit und Orientierung. 

Known unknowns – Dinge, die wir kennen, aber nicht verstehen

Nichtsdestotrotz ist uns auch bewusst, dass es bekannte Unbekannte gibt. Nehmen wir als Beispiel die Karriereplanung: Wir setzen uns als einzelne Menschen auf dem Berufsweg Ziele innerhalb eines Rahmens. Unsere Ziele setzen wir uns also innerhalb eines Karriereweges, den wir im Groben durch andere Menschen bereits kennen, die einen ähnlichen Weg vorgezeichnet haben. Wir halten uns an Modelle, die wir kennen, ohne wirklich sicher zu wissen, ob dieses spezifische Modell auch für uns funktioniert. Doch im aktuellen Augenblick gibt uns das Modell eine Orientierung. Es hilft uns auch in der Abstimmung mit anderen, wie z.B. Kollegen oder Vorgesetzten.

Statistiken, Daten und Fakten untermalen das Bekannte. Sie unterstreichen die Validität von Prognosen und Erwartungen. Zugleich geben sie uns als Menschen das Gefühl von Sicherheit, wenn sich Prognosen bestätigen. Doch es gibt mehr als das, was wir direkt messen und greifen können. 

Unknown knowns – Dinge, die wir nicht verstehen, aber kennen

Wir wissen in unserem tiefsten Inneren, dass es unbekannte Bekannte gibt. Kennen Sie die Aussage: „Ich weiß es nicht genau, aber ich habe ein ungutes Gefühl bei der Sache.“ ?

Wir tragen etwas in uns, das manche als „innere Stimme“ und andere als „Intuition“ bezeichnen. Statistisch betrachtet ist die innere Stimme schwer messbar. Dennoch gibt es unzählige anekdotische Beispiele für die Bedeutung dieser inneren Stimme. Sie warnt uns oder gibt positive Entscheidungssignale. Sie unterstützt uns, wenn wir scheinbar keinen Orientierungsrahmen haben und begleitet uns, wenn wir den Weg nicht kennen. Oft ist es auch die innere Stimme, die uns daran erinnert, einen Freund oder eine Freundin anzurufen, welche uns dann dankbar am Telefon begegnen, weil wir „genau im richtigen Augenblick“ anrufen.

Unknown unknown – Die Kunst des Nicht-Wissens

Im Grunde ist in unserer Welt stets unsicher. Doch die Zukunft, die scheinbar so klar absehbar war, wurde in den letzten Wochen ganz besonders unsicher. Diese Unsicherheit zeichnet sich durch folgende Faktoren aus: 

Wir erleben Unsicherheit auf vielen Ebenen zur gleichen Zeit: 

a) Persönlich

b) Beruflich 

c) Gesellschaftlich 

d) Global 

a) Viele Menschen werden durch die Corona-Krise mit Emotionen wie Ängsten und Unsicherheiten konfrontiert, mit welchen sie sich zuvor nie zuvor auf diese Art auseinandersetzen mussten. b) Diese Ängste entspringen der Angst um das eigene Leben, der Angst um die Existenz und der Angst um Menschen im Umfeld, die einen Effekt auf uns selbst haben. c) Gleichzeitig hat sich das System „Demokratie“ in dem wir uns bewegen innerhalb kürzester Zeit radikal verändert. d) Die Frage nach „Freiheit“ und „Mitbestimmung“ ist heute bedeutender denn je auf regionaler, nationaler und globaler Ebene. Doch wie gute Fragen stellen, wenn sich der Kontext jeden Tag verändert? 

Auch das zeigt sich: Im unbekannten Unbekannten, dem Unknown Unknown, wissen wir oft nicht, wie und an wen wir unsere Fragen stellen: 

a) Zu welchen Themen macht es aktuell Sinn, sich Fragen zu stellen?

b) Welche Fragen sind wirklich wichtig?

c) Welche Rahmenbedingungen gibt es für diese Fragen?

d) Wer sind die richtigen Ansprechpartner?

e) Wie finden wir die richtigen Gesprächspartner?

Denn viele Fragen drehen sich darum, schnell wieder Sicherheit herzustellen. Oft wird diese Sicherheit vereinfacht dargestellt. So bleibt sie ein Wunsch nach dem Zurück zum Status vor der Krise. 

Zu welchen Themen stellen wir also Fragen: Zu einer Zukunft, die wir aktuell nicht absehen können? Oder stellen wir Fragen an Ansprechpartner, die entweder überlastet, nicht ansprechbar, im Aktionsmodus oder in der Verzweiflung gefangen sind? Welche Gesprächspartner bleiben, welche werden wichtiger und was erhoffen wir uns von ihnen?  

Wer aktuell zu Hause ist, hat trotz aller Unsicherheit einen sicheren Ansprechpartner und dieser Ansprechpartner ist die innere Stimme und die innere Weisheit. Viele der Antworten, die wir suchen, können wir nur in uns finden. Die Suche im Außen ist aktuell in vielen Teilen verwirrend und verunsichernd. Viele Menschen haben viele Meinungen. Doch keiner der vielen Experten, Meinungsgeber und Sprachrohren hat eine klare Antwort. Die Zukunft ist unsicher und wir bewegen uns alle zusammen in einem Feld der Unknown Unknowns

In der Stille der Zurückgezogenheit liegt somit auch eine Chance für Exploration und Einkehr. In dieser Stille mögen sich Antworten über Ihre persönliche Zukunft und Ihre individuellen Vorstellungen eines Sinn-erfüllten Handelns finden, die Sie so zuvor nicht betrachtet haben.

Aktuell ist es schwer, große systemische Fragen zu stellen und darauf Antworten zu erhalten. Es ist schwer, klare Botschaften dazu zu formulieren, wo die Wirtschaft hingeht und was dies für viele einzelne Menschen in festen Anstellungsverhältnissen, für Selbstständige oder Kleinunternehmer bedeutet. 

Doch Sie haben die Chance, für sich zu sondieren, wie Sie die Stille füllen möchten. Sie haben auch die Chance, sich mit der inneren Stimme auseinanderzusetzen und sich zu fragen:

Gemeinsam stark

  • Wie möchte ich mich aktuell einbringen? 
  • Wie möchte ich es nach der Krise tun?
  • Wie möchte ich mich selbst unterstützen? 
  • Wie kann ich andere unterstützen?

Sinn gibt Orientierung

  • Was macht mir Freude? Was tue ich gern? 
  • Wie kann ich die gewonnene Zeit füllen?

Lernen schadet nie

  • Was nehme ich aus dieser Zeit mit, das ich auch in 6 – 8 – 12 Monaten noch erinnern möchte? 
  • Was sind meine größten privaten und beruflichen Lernerfahrungen seit Beginn der Corona-Krise?
  • Was war gut seit Beginn der Krise?

Nimm diese Fragen mit in Deine Einkehr und schaue, wie viel Bewegung Du im Inneren schaffen kannst, wenn das Außen scheinbar stillsteht. 

Vermutlich werden sich so keine sofortigen Antworten auf die Unknown Unknowns der Welt, wie sie heute im April 2020 ist, ergeben. Doch die Antworten werden Dich darin unterstützen, in den inneren Dialog zu treten und für Dich zu sondieren, welche äußeren Dialoge aktuell wirklich wichtig sind. 

Viel Freude beim Surfen auf der Welle der Unknown Unknowns,

Deine Martina Dopfer


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Information zur Autorin: 

Dr. Martina Dopfer ist Vorreiterin in der Verknüpfung von Digitaler Innovation, Entrepreneurship und Achtsamkeit. Durch ihre Promotion an der Universität St. Gallen, am HIIG in Berlin und an der UC Berkeley über digitale Geschäftsmodellinnovation von Startups und etablierten Unternehmen hat sie ein wissenschaftliches Kognitionsmodell für die Gestaltung von Veränderungsprozessen entwickelt. Die Neurowissenschaft ergänzt ihren Zugang um die menschliche Bewusstseinsperspektive. Diese wird zunehmend wichtiger, um die Veränderungen in der Arbeitswelt zu verstehen und sinn- und wertorientiert zu begleiten, ohne die Veränderungen auf Pauschallösungen zu reduzieren. 

Frau Dr. Dopfer ist Autorin von “Achtsamkeit und Innovation in integrierten Organisationen”, Gründercoach und Gründerin von myndway. myndway bringt den ganzheitlichen Transformationsansatz von Frau Dr. Dopfer in achtsamen Entwicklungskonzepten für Mitarbeiter, Führungskräfte und Teams zusammen. Ziel von myndway ist es, Achtsamkeit und Agilität vom On- bis zum Offboarding als Allgemeingut ins Unternehmen zu bringen. 

Als Speaker und Beraterin trägt Frau Dr. Dopfer ihre Vision von menschlichen und erfolgreichen Unternehmen in die Welt.


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