Im Dialog | Achtsamkeit und Digitalisierung: Achtsamkeit und Innovation kann man nicht voneinander trennen

Dr. Martina Dopfer & Dr. Jan Ullmann im Dialog

Jan: Liebe Martina, schön, dass Du da bist. Magst Du Dich kurz vorstellen? 

Martina: Hallo Jan, vielen Dank für das Interview. Erst mal: Unsere Dialogreihe zu Achtsamkeit und Digitalisierung hat mir wirklich sehr viel Spaß gemacht. Vielen Dank für die gemeinsame Initiative.

Kurz zu mir: Mich bewegt die große Frage, wie wir Menschlichkeit und Bewusstsein in die neue Arbeitswelt tragen können. Wir sprechen in Unternehmen sehr viel über Veränderung, Innovation und Digitalisierung. Es gibt immer mehr Methoden, Workshops und Aktionismus rund um die Gestaltung des Wandels. Das kommt meistens on top von bereits vollen Arbeitstagen, die ausgefüllt sind mit Meetings, Reportings, Abstimmungen etc. So wird der Wandel, der eigentlich eine Erleichterung für die Mitarbeitenden bedeuten soll, zu einem zusätzlichen Belastungsfaktor, der Stress und Druck auslöst. Mit unseren achtsamen und agilen Lernreisen bei myndway setzen wir darum beim Menschen an. Wir fragen: Wie geht’s Dir? Was motiviert Dich? Welche Deiner Leidenschaften möchtest Du gerne in Deinen Job heute und morgen einbringen? Um diese Fragen zu adressieren, verbinden wir in unseren Methoden Achtsamkeit und Neuroscience mit agilen Methoden und dem Design Thinking. 

Was mache ich sonst: Ich schreibe Bücher über das Thema, unterrichte Yoga und reise durch unsere schöne Welt. 

Jan: Was bedeutet Achtsamkeit in Deinem beruflichen Alltag?

Martina: Das ist zweigeteilt: Zum einen bedeutet Achtsamkeit für mich persönlich achtsam mit mir, meinen Ressourcen und meinen Energien zu sein. Ich möchte auch achtsam im Umgang mit Kollegen, Kunden, Partnern handeln, in dem ich wertschätzend kommuniziere, Erfahrungen teile und eine achtsame Organisation aufbaue

Zum anderen bedeutet es auch, Achtsamkeit für unsere Kunden zugänglich zu machen. Mir ist es wichtig zu zeigen, dass Achtsamkeit eine Chance für jeden Einzelnen ist, einen Zugang zu den persönlichen Emotionen, Sinnesempfindungen, Wünschen und Barrieren zu bekommen. Achtsamkeit ist dabei nichts Esoterisches, das ich nur mal 10 Minuten am Sonntag machen kann. Achtsam im Job heißt für mich, empathisch handeln, Offenheit für Neues kultivieren und zu wissen, warum ich als Mensch tue, was ich tue.

Achtsamkeit eine Chance für jeden Einzelnen ist, einen Zugang zu den persönlichen Emotionen, Sinnesempfindungen, Wünschen und Barrieren zu bekommen.

Jan: Du kommst ja aus dem Innovationsmanagement. Warum sind Innovation, Digitalisierung und Achtsamkeit für Dich untrennbar?

Martina: Wandel und Veränderung hat sehr viel mit Unsicherheit zu tun. Obwohl Veränderung die natürlichste Sache des Menschseins ist, haben wir Menschen Angst davor. Wir mögen Sicherheit und Berechenbarkeit. Die Digitalisierung bzw. der technologische Wandel allerdings haben Effekte auf Industrien, Märkte und Geschäftsmodelle. Diese Effekte sehen wir in Unternehmen, auf Gesellschaftsebene und in der Bildung. Der Wandel ist da und er passiert.  

Unser Gehirn sagt aber: “Wandel ist nicht gut. Ich möchte genau da bleiben, wo ich gerade bin.” Das verursacht eine Reibung zwischen der Realität, die passiert und der Vorstellung einer Realität, die ich gerne festhalten will. Wenn wir gestresst sind, fahren die Scheuklappen hoch und wir möchten noch lieber im Bekannten bleiben. Wenn dann noch der sog. Negativitätsbias dazu kommt, diese kleine Stimme, die sagt: “Das könnte schief gehen. Das ist auch schon mal schiefgegangen, wird die Resistenz noch höher. “

Für Unternehmen kann das drastische Folgen kann. Statt Kollaboration und Miteinander zu leben, ziehen sich die Menschen zurück. Die Kommunikation wird rauher, es bilden sich Grüppchen, die generelle Stimmung schwankt.

Genau hier kommt die Achtsamkeit ins Spiel: Sie hilft uns als Menschen zu sehen, was genau jetzt passiert. Statt sich in Emotionen zu verfangen, gibt sie uns Tricks an die Hand, Gefühle anzuschauen und wieder loszulassen. Sie unterstützt mitfühlende Gespräche auf Augenhöhe und eine Begegnung im Konfliktfall. Sie hilft zudem, eine Offenheit gegenüber Neuem zu kultivieren. 

Achtsamkeit hilft uns als Menschen zu sehen, was genau jetzt passiert.

Jan: Welche Methoden und Ansätze empfiehlst Du?

Martina: Natürlich den mynd:way Ansatz! *grins” Im Ernst: Ich empfehle bei der Achtsamkeit zunächst beim Einzelnen anzufangen. Meditationspraktiken und Atemübungen können hier helfen, sich im Alltag zwischen den vielen Aufgaben und vibrierenden Handys nicht zu verlieren.

Zudem gibt es schöne Wege, auch im Team Achtsamkeit zu praktizieren, in dem in Gesprächen auf die Sprache geachtet wird oder zu Beginn von Meetings bewusst Raum für Fokus geschaffen wird (s. Link zum Achtsamen Check In).

Auch die Führung hat hier eine wichtige Aufgabe – gerade wenn wir über Empowerment und Selbstorganisation sprechen. Führung bedeutet heute oft, Verantwortung abgeben und als Coach und Berater zu agieren, statt als allwissender Experte. Letztlich macht es auch Sinn, sich in der Organisation mit der Führung damit auseinanderzusetzen, wie man eine achtsame Firma gestalten kann. Mehr dazu in meinem Buch “Achtsamkeit und Innovation in integrierten Organisationen”

Jan: Gibt es ein Achtsamkeitserlebnis aus Deinem Leben (gern auch aus dem Beruf), das für Dich besonders bewegend war?

Ja, das gibt es. Ich habe einmal einen Achtsamkeitsworkshop mit Innovationsmanagern geleitet. Zum Beginn dieses Workshops haben wir gemeinsam Raum für Präsenz durch eine Atemmeditation geschaffen und danach sind wir als Gruppe in einen offenen Dialog zu unserem allgemeinen “Wie gehts mir” gegangen. Wir haben uns einfach nur zugehört und geteilt, was im Alltag gerade los ist. Dabei sind ganz viele Einsichten über Handlungsbarrieren entstanden und Unsicherheiten rund um neue Geschäftsmodell-Initiativen zu Tage getreten. In diesem offenen Raum meinte plötzlich einer der Teilnehmer: “Also, wenn wir das schon vor Jahren gemacht hätten, dann müssten wir in unserem Unternehmen nicht mehr über die Herausforderungen der Digitalisierung reden. Dann hätten wir sie längst gemeistert.” Das war ein toller Moment der Zuversicht und der Kraft. 

“Also, wenn wir diese Form der achtsamen Praxis als Innovationsmanager schon vor Jahren gemacht hätten, dann müssten wir in unserem Unternehmen nicht mehr über die Herausforderungen der Digitalisierung reden. Dann hätten wir sie längst gemeistert. “

Im Gespräch waren Dr. Martina Dopfer & Dr. Jan Ullmann

Dr. Jan Ullmann ist seit über 10 Jahren in unterschiedlichen Positionen als Medienpädagoge tätig, u.a. an der Ludwig-Maximilians-Universität München und am Learning Campus der Siemens AG. Seit 2015 arbeitet er als freier E-Learning Trainer und Berater und ist Geschäftsführer von Lernhandwerk. Das Ziel seiner Arbeit ist dabei die Gestaltung moderner Lernmethoden für Kompetenzen im 21. Jahrhundert in sinnvoller Verbindung mit intelligenten Technologien.

Dr. Martina Dopfer ist Gründerin von mynd:way. Sie widmet ihr Tun der achtsamen und agilen Entwicklung einer neuen Arbeitswelt. Dabei verbindet sie Methoden aus dem Innovationsmanagement mit neurowissenschaftlichen Ansätzen. Mehr dazu unter myndway.com. Ihre Ansätze können Sie in ihrem Buch “Achtsamkeit und Innovation in integrierten Organisationen” nachlesen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.