Im Dialog | Achtsamkeit und Digitalisierung: Ein Blick auf die Bildungswelt

Dr. Jan Ullmann & Dr. Martina Dopfer im Dialog

Martina: Hallo Jan, schön, dass Du da bist. Magst Du Dich kurz vorstellen? 

Jan: Gerne! Mein Name ist Jan Ullmann und ich arbeite in München als Trainer & Berater für sinnhaftes digitales Lernen. 

Martina: Was bedeutet Achtsamkeit für Dich in Deinem Leben – beruflich und privat? 

Jan: Für mich ist Achtsamkeit ein Weg zurück zur Essenz des Menschen: Dem gegenwärtigen Bewusstsein – frei von Gedanken, die uns in nicht zu ändernde Vergangenheit und nicht vorhersehbare Zukunft ablenken. Eigentlich das Einfachste und Offensichtlichste der Welt, aber in unserem stressigen, digitalisierten Alltag oftmals viel zu leicht zu übersehen. Privat war und ist es für mich die simpelste, hilfreichste Richtschnur für ein zufriedenes Leben und zugleich eine komplett neue Perspektive auf die Welt.

“Für mich ist Achtsamkeit ein Weg zurück zur Essenz des Menschen.”

Für meine Arbeit ist es meine Vision: Gegenwärtiges Bewusstsein als oberstes Ziel aller Bestrebungen im Bildungsbereich zu machen (von Kindergärten, über Schulen und Universitäten bis in die Unternehmen hinein). Ich nenne diese Vision “Was wäre, wenn ‘Mensch sein’ das Ziel von Bildung wäre?” – denn auch wenn es uns oft nicht bewusst ist, dieser Zustand fernab von Gedankenkarussellen, Ängsten und negativen Emotionen ist der eigentliche natürliche Zustand eines jeden Menschen: Zufrieden, empathisch, schöpferisch. Und das Schönste ist, dass nicht nur die Wissenschaft fernab von Esoterik dies mittlerweile nach und nach erkennt (und eigentlich viele Lehrbücher neu geschrieben werden müssten), sondern noch besser: Sich immer mehr Menschen ihres Bewusstseins bewusst werden – und so ihr ganzes Potential selbstständig ausschöpfen.

Martina: Warum möchtest Du mehr Achtsamkeit in die Bildung bringen?

Jan: Alles, was wir den ganzen Tag tun, beginnt in unseren Köpfen – warum beginnen wir nicht dort? Interessanterweise verliert sich der menschliche Verstand aber gerne in eine andere Richtung, nämlich in die Perfektion der Mittel. Gerade bei der Digitalisierung der Bildung wird das ganz besonders schnell deutlich. Seit Jahrzehnten suchen wir die Lösung aller Bildungsprobleme in den Dingen, in Sachen im Außen: Die Schule muss digitaler werden, der Lehrplan müsste umgeschrieben werden etc. – an sich alles nicht falsch, jedoch kann wahre Veränderung nur in uns selbst beginnen. Um das an einem einfachen Beispiel festzumachen: Wenn ich als Lerner in Gedanken abgelenkt bin oder von Ängsten befangen bin, dann nützt das schönste E-Learning und iPad nichts. Erst wenn ich aber aufhöre, mich mit diesen Ängsten und Gedanken zu identifizieren (durch Achtsamkeit meinerseits oder Empathie meiner Lehrkraft) und meine Aufmerksamkeit wieder entsprechend gegenwärtig ist, kann Lernen wieder stattfinden. Mehr noch: Alle “Kompetenzen für das 21. Jahrhundert”, also Fähigkeiten, die uns Maschinen und Algorithmen heute und wohl in Zukunft nicht so schnell abnehmen können (z.B. Empathie, Neugierde, Kreativität, kritisches Denken usw.) sind quasi “Nebeneffekte” von gegenwärtigem Bewusstsein.

“Die Schule muss digitaler werden, der Lehrplan müsste umgeschrieben werden etc. – an sich alles nicht falsch, jedoch kann wahre Veränderung nur in uns selbst beginnen.”

Alles Positive leitet sich davon ab, wenn es “da” ist, alles Negative (Stress, Zukunftsängste etc.) entsteht aus Gedanken, also Unbewusstsein. Es ist für mich nur logisch, genau dort beginnend anzusetzen – und danach können wir auch gerne (und sicherlich besser) Biologie- und Lateinunterricht in der Schule und Complianceschulungen an Unternehmen machen. Und im Übrigen ist auch der Lehrplan nichts Unveränderbares, sondern lediglich ein großer kollektiver Glaubenssatz, den wir fast alle unbewusst geschluckt haben als “das ist eben so” – wenn uns aber klar wird, was er wirklich ist (nämlich nur ein gedankliches Konzept, welches auch nur von Menschen wie dir und mir gemacht wurde), dann können wir Bildung nicht erst nach einer großen Reform und Digitalpakt ändern: Sondern heute, hier, jetzt, in unseren Klassenzimmern und Seminarräumen.

Martina: Welche Herausforderungen siehst Du und welche Ansätze erachtest Du hier als sinnvoll?

Jan: Mir ist wichtig, dass Achtsamkeit nicht als “neues Ding” gesehen wird, “dass wir jetzt auch noch machen müssen”. Wenn Achtsamkeit zu einer Sache wird, am Besten noch, um am Ende noch mehr Produktivitätssaft aus der Schüler- oder Arbeiterzitrone zu quetschen, dann hat man den eigentlichen Kern noch nicht erfasst. Achtsamkeit bedeutet für mich, sich bewusst zu sein, dass Bewusstsein die einzige Konstante in unserem Leben ist. Ich war mein ganzes Leben immer Hier und es war immer Jetzt. Folglich werde ich mir bewusst, dass ich zwar vielleicht Gedanken, Emotionen und Ängste vorübergehend habe, aber diese nicht bin. Es entsteht eine völlig neue Perspektive auf alles, die mehr ist, als Selbstoptimierung.

“Ich war mein ganzes Leben immer Hier und es war immer Jetzt.”

Herausfordend dabei ist, dass genau diese Sehnsucht des Menschen (nämlich folglich ganz man selbst zu sein) zugleich die größte Angst ist. Sprich: Auch wenn der Mensch in allem, was er tut, danach strebt, so hat er paradoxerweise tierisch Angst genau davor. Das merke ich selbst und in meinen Trainings immer wieder. Deshalb ist intellektuelles Verständnis zum Thema ein wichtiger erster Schritt, aber erst in der persönlichen Erfahrung, im “Schmecken” des Bewusstseins kommen die wirklichen Erkenntnisse. Und genau da muss man vorsichtig sein, dass die Menschen nicht “dicht machen”, weil sie je nach Bezeichnung dahinter irgendeinen “spirituelle Esoterikquatsch” vermuten. Das ist es aber nicht – sondern der direktes Weg zu einem erfüllten, selbstbestimmten, zufriedenen Leben. Nicht mehr und nicht weniger. Kann es so einfach sein? Ich behaupte ja.

Martina: Was war Dein schönstes Erlebnis rund um Achtsamkeit und Bildung, das Du heute mit uns teilen magst?

Jan: Die schönsten Momente in meiner Arbeit sind, wenn Lehrkräfte wieder das “Funkeln” in den Augen haben, Lehramtsanwärter den Status Quo des Glaubensparadigmas, welches wir “Bildung” nennen, zum ersten Mal hinterfragen und SchülerInnen eine neue Lösungsmöglichkeit für alle ihre Probleme sehen, die sie mir in ihrem digitalisierten Alltag immer wieder zurückmelden: “Ich bin ständig abgelenkt, ich bin überfordert, ich habe Zukunftsängste, ich bin faul und schiebe ständig” auf. Nichts Neues eigentlich, aber dazu kommen dann noch die “digitalen Verstärker”, die uns noch mehr aus dem Moment reißen und Gedankenidentifikationen und Ängste noch mehr intensivieren.

“Die schönsten Momente in meiner Arbeit sind, wenn Lehrkräfte wieder das “Funkeln” in den Augen haben.”

Und nicht falsch verstehen: Ich bin großer Freund der digitalen Technik, aber ich sage den Lehrkräften mit Ängsten gegenüber der Digitalisierung immer: Wir brauchen sowohl bei SchülerInnen als auch bei LehrerInnen keine Medienkompetenz, sondern in erster Linie Selbstführungskompetenz. Denn nicht Whatsapp, sondern meine unbewusste Nutzung kreiert die Probleme. Und genau da kommt wieder Achtsamkeit ins Spiel – und das ist alles eigentlich ein uralter Hut, aber für viele eine ganz neue Perspektive. Und wenn nach einer Weile Menschen dadurch selbst wieder in ihr volles persönliches, kreatives Potential, ihr Mensch-sein kommen – es könnte für mich nichts Schöneres geben.

Vielen Dank, lieber Jan für den tollen Austausch.

Im Gespräch waren Dr. Martina Dopfer & Dr. Jan Ullmann

Dr. Jan Ullmann ist seit über 10 Jahren in unterschiedlichen Positionen als Medienpädagoge tätig, u.a. an der Ludwig-Maximilians-Universität München und am Learning Campus der Siemens AG. Seit 2015 arbeitet er als freier E-Learning Trainer und Berater und ist Geschäftsführer von Lernhandwerk. Das Ziel seiner Arbeit ist dabei die Gestaltung moderner Lernmethoden für Kompetenzen im 21. Jahrhundert in sinnvoller Verbindung mit intelligenten Technologien.

Dr. Martina Dopfer ist Gründerin von mynd:way. Sie widmet ihr Tun der achtsamen und agilen Entwicklung einer neuen Arbeitswelt. Dabei verbindet sie Methoden aus dem Innovationsmanagement mit neurowissenschaftlichen Ansätzen. Mehr dazu unter myndway.com. Ihre Ansätze können Sie in ihrem Buch “Achtsamkeit und Innovation in integrierten Organisationen” nachlesen.

2 Gedanken zu „Im Dialog | Achtsamkeit und Digitalisierung: Ein Blick auf die Bildungswelt

  1. Wolfgang Budde Antworten

    Vielen Dank für diesen klaren, einleuchtenden Aufruf zur Selbstführung und zum leben im Jetzt! Es hieß immer schon “nicht für die Schule, für das Leben lernen wir”, und das müssen wir jetzt dringend umsetzen, in einer Zeit, in der sich alles verändert so schnell wie nie, und wir Beständigkeit und Sicherheit in einer agilen Weise in uns selbst finden müssen.

    • Martina Dopfer Autor des BeitragsAntworten

      Lieber Herr Budde,

      es freut uns sehr, dass Sie der Beitrag angesprochen hat und herzlichen Dank auch für Ihre Gedanken zum Thema. Ja, wir lernen für das Leben. Jeder für sich und doch alle gemeinsam.

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